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            <r:Title>Die regionale Erwerbsstruktur im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik Deutschland 1895 – 1970.</r:Title>
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                            <r:Creator> Kaelble, Hartmut</r:Creator>
            


            <r:Publisher>GESIS - Leibniz Institut für Sozialwissenschaften</r:Publisher>

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                Die Studie entstand im Rahmen des Forschungsprojektes „Wandel der Berufsstruktur in Westeuropa, 1882-1970“, FU Berlin), das auf Antrag von Henk van Dijk und Hartmut Kaelble von der Stiftung Volkswagenwerk finanziert wurde. Die Studie behandelt einen Aspekt der Geschichte der Erwerbsstruktur: den Langzeitwandel der Unterschiede zwischen Regionen im 20. Jahrhundert, die langfristige Verschärfung oder Abmilderung der regionalen Disparitäten in der Erwerbsstruktur Deutschlands in der Zeit von 1895 bis 1970. Gab es in Deutschland eine wellenartige Entwicklung in den regionalen Disparitäten der Erwerbsstruktur? Verschärften sie sich während der Industrialisierung, und nahmen sie in den letzten Jahrzehnten wieder ab? War das Territorium der Bundesrepublik innerhalb Deutschlands immer schon besonders homogen? Gab es wellenartige Entwicklungen auch bei Männer und Frauen, wenn man sie in der Erwerbsstruktur voneinander trennt? „Im Zentrum des Interesses stand die Frage, ob sich die regionalen Besonderheiten der Erwerbsstrukturen im 20. Jahrhundert eher schärfer profiliert haben und damit die Berufschancen in einzelnen Regionen des Deutschen Reiches bzw. der Bundesrepublik immer gegensätzlicher geworden sind, oder ob sich – umgekehrt – die Erwerbsstrukturen der Regionen immer mehr einander angenähert haben und man in immer mehr Regionen zunehmend ähnliche Erwerbsmöglichkeiten fand. Eine Verschärfung der regionalen Besonderheiten der Erwerbsstruktur im 20. Jahrhundert könnte – wenn man sie optimistisch sieht – auf eine zunehmende Arbeitsteilung zwischen den Regionen eines Landes hindeuten. Wahrscheinlicher würde sie aber belegen, dass es ähnlich wie während der industriellen Revolution regionale Inseln wirtschaftlicher Dynamik gab, die zwar nicht immer dieselben waren, hinter denen aber der Rest des Landes hinterherhinkte und die nicht nur wirtschaftlich innovativer waren, sondern mehr Einkommen und mehr Wohlstand bieten konnten. Umgekehrt würde eine Annäherung und Angleichung der Erwerbsstrukturen bedeuten, dass sich Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung aus ihrer frühindustriellen regionalen Inselhaftigkeit lösten, im 20. Jahrhundert flächendeckend wurden, in immer mehr Regionen wirkten und sich auch regionale Wohlstandunterschiede immer mehr angleichen konnten. Im Kern geht es also in dieser Studie um den Wandel regionaler Entwicklungsgleichheiten und Wohlstandsunterschiede“ (Kaelble, H./Hohls, R., 1989: Der Wandel der regionalen Disparitäten in der Erwerbsstruktur Deutschlands, 1895-1977, in: Bergmann, J. u.a., 1989: Regionen im historischen Vergleich. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 293f). 

Als Datengrundlage beschränkt sich die Studie auf die Berufszählungen in Deutschland zwischen 1895 und 1970 und durch die auf dem Mikrozensus basierenden Ergebnisse für die Bundesrepublik 1982, wie sie vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit zusammengestellt wurden. Die Arbeitsstättenzählungen der Vor- und Zwischenkriegszeit erfassen nicht die gesamte Erwerbsbevölkerung. Vor allem die Agrarbevölkerung und der öffentliche Dienst fehlen. Die Berufszählung zeigt auch eher regionale Unterschiede des Arbeitsmarktes und der Berufschancen. Neben der Wahl der Quellen verlangte die Konstruktion von Langzeitreihen zur regionalen Erwerbsstruktur auch Lösungen zu den Problembereichen der geographischen Abgrenzung der Regionen und die Standardisierung der Klassifikation der Erwerbstätigen.
Das Projekt befasste sich inhaltlich mit der Frage, wie sich die regionale Erwerbsstruktur von 1882 bis 1970 im Deutschen Reich und in der BRD verändert hat (siehe die Analysen und Ergebnisse in Kaelble, H./Hohls, R., 1989: Der Wandel der regionalen Disparitäten in der Erwerbsstruktur Deutschlands, 1895-1977, in: Bergmann, J. u.a., 1989: Regionen im historischen Vergleich. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 288-413; dies., 1987: The Regional Structure of Employment in Germany, 1895-1970, in: Historische Sozialforschung, No. 44, Okt. 1987). 
„Bei der seit einigen Jahren über das wirtschaftliche Süd-Nord-Gefälle in der Bundesrepublik geführten Debatte verwundert es, wie wenig die langfristige Entwicklung regionaler Unterschiede in der Erwerbsstruktur in die Diskussion einbezogen wird. Zwar drang die monostrukturelle Ausstattung einzelner Regionen als Problem mit der Bergbau-, Werften- und Stahlkrise sowie den Agrarkrisen seit den 1960er Jahren verstärkt in das öffentliche Bewusstsein, jedoch zeigten die anschließenden Debatten auch schlaglichtartig, wie wenig über die regionalen Disparitäten Deutschlands in der längeren Perspektive bekannt ist). Unser historisches Bild ist von den scharfen regionalen Gegensätzen zwischen einerseits dem industrialisierten Ruhrgebiet, Berlin und Sachsen und andererseits dem agrarischen Osten des Deutschen Reichs geprägt. Solange aber lange Zeitreihen regionaler wirtschaftlicher Disparitäten nicht vorliegen, ist schwer zu sagen, wie tief greifend das West-Ost-Gefälle aus der heutigen Perspektive war und wie wichtig sich demgegenüber das neue Süd-Nord-Gefälle der Bundesrepublik ausnimmt.
Erstens und vor allem sind sie ein Indikator für den Wandel der regionalen wirtschaftlichen Ungleichheit. Neben dem regionalen Pro-Kopf-Produkt und der regionalen Arbeitslosigkeit zeigen sie am deutlichsten an, ob sich die regionalen wirtschaftlichen Disparitäten in der langen Perspektive verschärft oder abgemildert haben, ob ein Land mit immer schärferen inneren Disparitäten belastet ist oder auf eine Entwicklung inneren regionalen Wirtschaftsausgleichs bauen kann. Für die These, daß industrialisierende Länder eine erste Phase zunehmend verschärfter regionaler Kontraste und eine spätere Phase wirtschaftlicher Wiederannäherung der Regionen durchlaufen, sind Langzeitreihen zur regionalen Erwerbsstruktur zentral. Nach dieser These wäre das heutige Süd-Nord-Gefälle der Bundesrepublik weit weniger einschneidend als die West-Ost-Disparitäten während der Industrialisierung Deutschlands. Für die These, daß die Bundesrepublik im europäischen Rahmen, besonders im Vergleich zu Italien, Spanien, Frankreich heute ein wirtschaftlich recht homogenes Land geworden ist und auch mit weniger inneren wirtschaftlichen Kontrasten fertig zu werden hat als das alte Deutsche Reich, muß man ebenfalls die Langzeitentwicklung der Erwerbsstruktur kennen…
Langzeitreihen zur Erwerbsstruktur sind weiterhin wichtig für die regionale Analyse einzelner Branchen. Wie stark das Ausmaß war, in dem sich regional hochkonzentrierte Branchen wie Kohle, Eisen und Stahl, Chemie, Landwirtschaft, Transport in bestimmten Regionen zusammenballten; ob die Konzentration einzelner Branchen eher zu- oder abnahm; in welchen Regionen außer den schon bekannten die Arbeitsplätze in solchen Branchen zu finden waren und sind; ob sie sich dort anders entwickelten als in den bekannten Prosperitäts- und Krisenregionen - alle diese Fragen lassen sich nur mit einer Gesamtaufnahme der regionalen Erwerbsstruktur eines Landes in ihrer historischen Entwicklung beantworten. Auch dafür bietet die folgende Dokumentation wichtige, bisher nicht verfügbare Langzeitreihen an … 
Darüber hinaus braucht man auch für die Untersuchung von Einzelregionen einen regionalen Gesamtüberblick eines Landes oder besser noch Europas insgesamt. Die Erwerbsstrukturentwicklung einer einzelnen Region sagt für sich genommen sicher schon viel aus. Will man jedoch entscheiden, ob sich eine Region besonders dramatisch oder besonders langsam wandelte, ob sie eher eine unauffällige Durchschnittsregion war oder welche Besonderheiten sie von der üblichen Entwicklung abhoben, ob sie eher rückständig war oder eher als Pionierregion angesehen werden muß, braucht man den Vergleich mit möglichst vielen anderen Regionen, mit Nachbarregionen, mit Regionen gleichen Typs, mit Regionen ähnlicher Ausgangslage, aber anderer Entwicklung, mit dem ganzen Spektrum regionaler Vielfalt. Auch dafür fehlen bisher landesweite Langzeitreihen der Erwerbsstruktur in Deutschland. 
Schließlich können Langzeitreihen zur regionalen Erwerbsstruktur auch Hilfestellung für Untersuchungen zu anderen Themen jenseits der eigentlichen Geschichte der Erwerbsstruktur bieten, für Untersuchungen über andere Aspekte regionaler Disparitäten, über die allgemeine Entwicklung einzelner Regionen, über die Gesamtentwicklung einzelner Branchen, über die Ursachen und Wirkungen von Regionalpolitik und einzelnen regionalen Wirtschaftsförderungsmaßnahmen, über Migration, über Frauen- und Männerarbeit, über die politische Stabilität oder innere Zerrissenheit eines Landes, zu der auch die regionalen Disparitäten beitragen können“ (Hohls, R./Kaelble, H., 1989: Die regionale Erwerbsstruktur im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik 1895 - 1970. Quellen und Forschungen zur Statistik von Deutschland, Hrsg. von Wolfram Fischer, Franz Irsigler, Karl Heinrich Kaufhold und Hugo Ott, Band 9. St. Katharinen: Scripta Mercaturae, S. f).

„Was wir erwarten, sei nochmals zusammengefaßt und erläutert. Wir erwarten für die Industrialisierung eine Verschärfung der regionalen Disparitäten der Erwerbsstruktur in Deutschland aus mehreren Gründen: teils, weil sich die Marktorientierung in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern regional sehr ungleich durchsetzte, in einem beträchtlichen Teil deutscher Regionen die agrarische Subsistenzwirtschaft nur langsam zurückgedrängt wurde und damit die Kaufkraft für Marktprodukte regional ungleich verteilt war; teils, weil die modernen Wirtschaftszweige der Industrialisierung - der Bergbau, die Eisenindustrie, die Textilindustrie, aber auch damals wichtige Dienstleistungen wie Häfen, Handel, Banken - sehr stark standortgebunden und regional sehr ungleich verteilt waren; teils auch, weil Investitionsfähigkeiten und -neigungen, Ausbildungsmöglichkeiten und -bereitschaft, regional sehr disparat waren; schließlich, weil die Regionalpolitik der Regierungen noch wenig effizient war oder noch gar nicht existierte. Kaufkraft, dynamische Produktionszweige, Produktionsfaktoren, staatliche Intervention lassen deshalb in der Epoche der Industrialisierung primär Verschärfungen regionaler Ungleichheit erwarten. Wann diese Verschärfung auslief und allmählich in eine Abmilderung überging, müssen wir offenlassen. Wir erwarten jedoch für die vergangenen Jahrzehnte, zumindest für die Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg, eine deutliche Abmilderung der regionalen Unterschiede der Erwerbsstruktur. Das soll nicht heißen, daß nicht einzelne Regionen weiterhin ausscherten und sehr moderne oder sehr zurückgebliebene Erwerbsstrukturen aufwiesen. Für die Gesamtheit der bundesrepublikanischen Regionen erwarten wir jedoch eine Annäherung. Dies wiederum aus mehreren Gründen: teils deshalb, weil sich nun endgültig alle Haushalte über den Markt versorgten und damit die regionale Verteilung der Kaufkraft ähnlicher wurde; teils, weil die extrem standortgebundenen Industrien der Industrialisierung wie die Schwer- und Textilindustrie in eine Krise gerieten und ihr Gewicht in der Erwerbsstruktur geringer wurde; teils deshalb, weil Ausbildungs-, Investitions- und Transportmöglichkeiten regional zunehmend weiter gestreut waren; vielleicht auch deshalb, weil die Landes- und Bundesregierungen und die Europäische Gemeinschaft direkt und indirekt versuchten, regionale Unterschiede abzumildern“ (Kaeble/Hohls, a.a.O., S. 294). 

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse: 
„Es wird gezeigt, daß sich die regionalen Disparitäten der Erwerbsstruktur in Deutschland im 20. Jahrhundert in der Form einer Welle entwickelten; sie &#039;verschärften sich während der Industrialisierung bis in die 1920er Jahre und milderten sich nach einer Übergangsperiode spätestens seit der Nachkriegszeit spürbar ab. Wann die Abmilderungstendenzen die Oberhand gewannen, ist nicht mit letzter Bestimmtheit zu sagen. Sie setzten sicherlich aber schon vor 1950 ein. Heute sind die regionalen Unterschiede in der Bundesrepublik beträchtlich geringer als am Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Welle regionaler Disparitäten der Erwerbsstruktur war eine wichtige Entwicklung und schlug in mehreren Aspekten der Erwerbsstruktur durch: Sie läßt sich in der Mehrzahl der Beschäftigungssektoren und -zweigen erkennen. Sie ist in der Entwicklung der meisten Einzelregionen im Vergleich zum Gesamttrend der Entwicklung in Deutschland deutlich. Sie tritt sowohl in der Frauenarbeit als auch in der Männerarbeit auf. Höchst wahrscheinlich ist sie keine spezifisch deutsche Entwicklung. Sie läßt sich auch für Belgien, Großbritannien, Italien, Österreich, in Teilen auch für Frankreich belegen. Es dürfte sie auch in Europa insgesamt gegeben haben. Freilich ist sie bisher unseres Wissens noch nie so gründlich belegt worden.
Die These von einer Welle regionaler Disparitäten seit dem Beginn der Industrialisierung sollte freilich nicht mißverstanden werden. Die Abmilderung regionaler Disparitäten besonders seit dem Zweiten Weltkrieg bedeutet keineswegs eine Rückkehr zu vorindustriellen Situationen. Es handelt sich nicht um einen Zyklus, um eine Wiederkehr des Alten. Im Gegenteil: Die Faktoren, die die Abmilderung regionaler Disparitäten bewirkten, sind völlig neue Bedingungen. Sie führten auch in eine völlig andere Erwerbsstruktur als in der vorindustriellen Zeit hinein. Die Welle regionaler Disparitäten bedeutet umgekehrt freilich auch nicht, daß sich die Geographie der wirtschaftlichen Entwicklung im Verlauf des 20. Jahrhunderts völlig verkehrt hat. Es ist vielmehr erstaunlich, wie stabil geographische Verteilung, Hochentwicklung und Rückständigkeit auf dem Territorium der Bundesrepublik im Verlauf der vergangenen achtzig Jahre geblieben sind. Die Regionen, die um 1895 stark aus dem Rahmen gefallen und sich besonders stark auf bestimmte Erwerbszweige konzentriert hatten, scherten überwiegend auch noch 1970 aus dem Hauptstrom der Entwicklung aus. Regionen, die um 1895 stark agrarisch waren, waren meist auch um 1970 noch recht landwirtschaftlich geprägt. Geringe Industrialisierung einer Region um 1895 ließ sich auch bei tiefgreifender Wandlung im allgemeinen nur schwer wettmachen. Lediglich in einer - freilich wichtigen - Hinsicht hat die Welle der regionalen Disparitäten Rückstände der Erwerbsstruktur zumindest gemildert: Waren die agrarischen Regionen in der Industrialisierung rapide hinter den Hauptstrom der Erwerbsentwicklung zurückgefallen, fanden sie nach dem Zweiten Weltkrieg besonders rasch den Anschluß an den Hauptstrom der Erwerbsentwicklung und verringerten ihren Abstand gegenüber dem Gesamttrend in der Bundesrepublik deutlich. Während der Industrialisierung waren sie meist in der Situation eines Mannes, der über Bord eines Ozeandampfers in voller Fahrt geht und hinterher schwimmen möchte. In der Nachkriegszeit ging es ihnen wie jemanden, der einem treibenden Schiff auf einem Fluß hinter herschwimmt: Es gab eine Chance.
Auch die Gründe dieser Welle regionaler Disparitäten wurden bisher noch wenig diskutiert, obwohl die reichhaltige Forschung zur Geschichte der regionalen Ungleichheit viele wichtige Anregungen enthält. Sechs Gründe haben unseres Erachtens die Welle - Verschärfung während der Industrialisierung, Abmilderung während der vergangenen Jahrzehnte - ausgelöst:
1. Die Natur der europäischen Wachstumsindustrien: Die Wachstumsindustrien der Industrialisierung - Bergbau, Hüttenindustrie, Textilindustrie, Verkehr - waren regional stark konzentriert, während die Wachstumsindustrien der vergangenen Jahrzehnte, schon der Maschinenbau, die chemische und die elektrotechnische Industrie, vor allem aber die modernen Dienstleistungen, ihrer Natur nach regional weit stärker gestreut waren und sind. Die scharfen Disparitäten der Industrialisierung milderten sich allein schon deshalb ab. 2. Die regionalen Möglichkeiten der Spezialisierung: Sie waren während der Industrialisierung vergleichsweise vielfältig, umfaßten Textilindustrie, Schwerindustrie, Maschinen- und Apparatebau, wirtschaftliche Dienstleistungen, aber auch die moderne Landwirtschaft und haben daher zu wachsenden Unterschieden in der Erwerbsstruktur auch zwischen sich entwickelnden Regionen geführt. Mit der Krise der Textilindustrie, des Bergbaus, der Hüttenindustrie und der außergewöhnlichen Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg ging diese Vielfalt der Spezialisierungsmöglichkeiten spürbar zurück. Die Erwerbsstruktur auch der modernen Regionen wurde einheitlicher.
3. Die Standortbindung durch Energieträger, Rohstoffe und Verkehrstechniken: Während der Industrialisierung führten die damaligen Energien, also Wasser, Kohle und immer noch Holz, aber auch die damals neuen, relativ wenig flexiblen Verkehrsmittel, also Kanäle und Eisenbahn, schließlich auch die Rohstoffe, zu einer sehr starken Standortbildung nicht nur der Wachstumsindustrien, sondern generell der Industrien und Dienstleistungen. Auch - aus diesem Grund waren Industrien und Dienstleistungen während der Industrialisierung regional stark konzentriert. Die neuen Energieträger des 20. Jahrhunderts, Elektrizität und später öl, aber auch das neue Verkehrsmittel, das Automobil und schließlich auch die Rohstoffe der chemischen Industrie, der elektrotechnischen Industrie, des Automobilbaus haben die Produktion viel weniger an bestimmte Standorte gebunden. Auch deshalb nahm die starke regionale Konzentration der Produktion und Dienstleistungen im 20. Jahrhundert ab. 4. Der Wandel der Kaufkraft: Sie trieb die regionalen Disparitäten der Erwerbsstruktur während der Industrialisierung ebenfalls auseinander, teils weil sich die Masseneinkommen regional auseinanderentwickelten, teils weil der Abbau der subsistenzwirtschaftlichen Haushalte, die überhaupt nicht als Käufer mit dem Markt auftraten, regional sehr unterschiedlich ablief, teils weil der regional stets besonders stark konzentrierte Luxuskonsum wirtschaftlich noch immer ein großes Gewicht besaß und die Massenkaufkraft erst allmählich mit steigendem Lebensstandard für die Industrie an Bedeutung gewann. Umgekehrt hat die Entwicklung der Kaufkraft besonders seit dem Zweiten Weltkrieg regionale Disparitäten der Erwerbsstruktur abgebaut, da sich die regionalen Unterschiede der Massenkaufkraft abmilderten, die subsistenzwirtschaftlichen Haushalte allmählich auf den Markt gingen und der Luxuskonsum zwar nicht verschwand, aber doch sein einstiges gesamtwirtschaftliches Gewicht verlor. Nicht nur die gewerbliche Produktion, sondern auch Dienstleistungen wie Handel, Banken, Versorgungsleistungen wurden dadurch regional stärker gestreut.
5. Gewandelt hat sich auch der räumliche Charakter der Industrialisierung im 20. Jahrhundert. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung zwar längst ihren isolierten Inselcharakter verloren. Die Erwerbsstruktur der modernsten Regionen driftete nicht mehr vom Durchschnitt des Landes ab. Es gab aber in Deutschland noch immer eine beträchtliche Anzahl von Agrarregionen, die von der Industrialisierung unberührt waren - nicht nur im Osten des Deutschen Reiches, sondern auch auf dem Territorium der heutigen Bundesrepublik, im östlichen und nördlichen Bayern, im äußersten Westen und im Nordwesten Preußens.
6. Schließlich hat sich auch die Frauenarbeit gewandelt: Frauenarbeit war im späten 19. Jahrhundert und bis tief in das 20. Jahrhundert hinein ein wichtiger Motor des Wandels regionaler Disparitäten. Die regionalen Unterschiede der Erwerbsstruktur, aber auch der Wandel der Disparitäten war in der Frauenarbeit erheblich größer und rascher als in der Männerarbeit: dies deshalb, weil Arbeit für Frauen noch nicht Lebensperspektive war, sondern nur einen kurzen Abschnitt des Lebens einnahm und somit Erwerbszweige in der Frauenarbeit in einer Region zwar schneller entstehen, aber auch wieder schneller verschwinden konnten. Dieser Typ der Frauenarbeit ging seit dem Zweiten Weltkrieg immer stärker zurück. Frauenarbeit wurde mehr und mehr lebenslang angelegt. Regionen konnten sich somit schwerer einseitig auf meist billige und schnell wieder abbaubare Frauenerwerbszweige konzentrieren. Ein wichtiger Grund für neue regionale Disparitäten entfiel.

Diese Ergebnisse des historischen Wandels regionaler Disparitäten sind nicht nur für den Spezialisten wichtig. Sie sind auch für den allgemein historisch Interessierten von vielfältigem Interesse. Hier sei auf drei Folgerungen hingewiesen.
Die spürbare und einschneidende Abmilderung der regionalen Disparitäten, die das eigentlich Neue an unseren Ergebnissen ist, war um so gravierender, als sie nicht durch die Teilung des Deutschen Reiches nach 1945 entstanden war. Die Bundesrepublik war und ist im Vergleich zum ehemaligen Deutschen Reich nicht einfach deshalb homogener, weil die rückständigen agrarischen Gebiete des einstigen deutschen Ostens polnisch oder zur heutigen DDR geschlagen wurden. Die Vorstellung vom wirtschaftlichen West-Ost-Gefälle in Deutschland, das unser historisches Bewußtsein so stark prägt, führt hier in einen Irrtum: Das Territorium der heutigen Bundesrepublik war während des Kaiserreichs in seiner regionalen Industrialisierung nicht weniger disparat als das Deutsche Reich. Auch auf diesem Territorium gab es Regionen, die in ihrer wirtschaftlichen Rückständigkeit den östlichen hochagrarischen Gebieten keineswegs nachstanden: der äußerste Osten der heutigen Bundesrepublik, die Regierungsbezirke Niederbayern, Oberpfalz und Unterfranken, ebenso der äußerste Westen, der Regierungsbezirk Trier und der Nordwesten, die Regierungsbezirke Aurich, Osnabrück und Lüneburg. Die Teilung Deutschlands hat also keineswegs einen wirtschaftlich entwickelten und in sich einheitlichen Westen von einem rückständigen Osten abgetrennt und damit schwere innere Widersprüche des einstigen Deutschen Reiches gleichsam gelöst. Die Bundesrepublik trat das gleiche Erbe an regionalen Disparitäten an wie die DDR oder der Westen des heutigen Polens. Es gibt einen primär politischen Unterschied, der auch erklärt, warum das West-Ost-Gefälle so geläufig und die Rückständigkeit bundesrepublikanischer Regionen so vergessen ist: Den rückständigen Gebieten der Bundesrepublik ist es nie gelungen, eine so massive Interessenphalanx aufzubauen wie die großgrundbesitzende Aristokratie des preußischen Ostens, und sie haben deshalb auch nie eine derart verhängnisvolle politische Rolle gespielt wie die östliche Aristokratie Preußens im Kaiserreich und am Ende der Weimarer Republik. Agrarische Unterentwicklung auf dem Gebiet der Bundesrepublik war überwiegend kleinbäuerliche und kleinstädtische Ärmlichkeit im Abseits der politischen Geschichte. Deshalb blieb sie vielfach unbekannt.
Sind die politisch manchmal verhängnisvollen Verschärfungen regionaler Disparitäten wirklich endgültig vorbei? Ist die Abmilderung regionaler Disparitäten, wie wir sie hier für die vergangenen Jahrzehnte belegt haben, nicht vielleicht nur ein Durchgangsstadium zu neuen Verschärfungen? Ist das Süd-Nord-Gefälle in der Bundesrepublik nicht ein neuer Beginn regionaler Disparitäten, bestimmt keine Wiederholung der Geschichte, aber doch ein Ende der Abmilderung? Sicherlich sollte man die Süd-Nord-Unterschiede im Wirtschaftswachstum, in den Investitionen, in den Zukunftsindustrien, in der Arbeitslosigkeit nicht zu leicht nehmen. Sicherlich ist diese Verschiebung um so ernster zu nehmen, als es sich um eine europaweite regionale Verschiebung des Wirtschaftswachstums von den alten nördlichen schwer- und textilindustriellen Wachstumsregionen im weiteren Umkreis der Nordsee zu den neuen südlicheren Wachstumsregionen im weiteren Umkreis der westlichen Alpen handelt und man die wirklichen Auswirkungen dieser Verschiebung klarer
in Ländern wie Großbritannien oder Belgien sehen kann, die nicht wie die - Bundesrepublik gleichzeitig Verlierer und Nutznießer in dieser kontinentalen Verschiebung der Wachstumsregionen sind. Trotzdem: Bisher entstanden daraus in der Bundesrepublik nicht auch nur annähernd so tiefgreifende Verschärfungen der regionalen Disparitäten der Erwerbsstruktur wie einst während der Industrialisierung. Im Gegenteil: In der Bundesrepublik ging zumindest bisher die Abmilderung regionaler Unterschiede der Erwerbsstruktur unvermindert weiter. Die Bundesrepublik ist zumindest auch in den siebziger Jahren in sich immer einheitlicher geworden.
Diese historisch einmalige regionale Einheitlichkeit der Erwerbsstruktur der heutigen Bundesrepublik hat ohne Zweifel die politische Integrierung der Regionen außergewöhnlich erleichtert und den Föderalismus stabilisiert, weil er keine scharfen regionalen Entwicklungskontraste zu überbrücken und zu vermitteln hatte. Die Abmilderung der regionalen Disparitäten in der Erwerbsstruktur ist ein wesentlicher Grund dafür, daß der Bundesrepublik fundamentale regionale Verteilungskonflikte erspart blieben. Freilich würde man diesen Prozeß mißverstehen, wenn man darin auch eine der Grundlagen für eine neue eigenständige Identität der Bundesrepublik sähe. Die Abmilderung regionaler Disparitäten ist kein rein westdeutscher Prozeß; er ist auch in anderen europäischen Ländern festzustellen und ist höchstwahrscheinlich eine europaweite Entwicklung. Insofern ist die Erwerbsstruktur der Bundesrepublik nicht nur in sich einheitlicher geworden; auch die Unterschiede zu den europäischen Nachbarländern haben sich verringert. Nicht nur die Extremregionen der Bundesrepublik bewegten sich aufeinander zu; gleichzeitig verlor die Erwerbsstruktur der Bundesrepublik gegenüber der Schweiz, Italien, Frankreich, den Niederlanden, Dänemark immer mehr an eigenem Profil&quot;&#039;. Sie europäisierten sich eher. Dies genauer zu belegen, wäre der logische nächste Schritt in der Erforschung der Geschichte der regionalen Erwerbsstruktur des 20. Jahrhunderts“ (Kaelble/Hohls, a.a.O., S. 350ff).

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